Asanas – Reihenfolgen – und die Idee von richtig und falsch

Heute mal ein Beitrag zu einer Frage von einer Yogaschülerin. Es geht um die Bedeutung der Reihenfolge der Yogastellungen.

Es geht aber um noch viel mehr:

Es gibt keine Regeln und doch gibt es welche – und diese können manchmal, für einige Menschen und in bestimmten Phasen sehr hilfreich sein.

Die eigentliche Frage von der besagten Schülerin lautete: Warum startet die Rishikesh-Reihe mit den Umkehrhaltungen und nicht mit den Füßen (und der Erdung) wie in vielen anderen Traditionen?

Hier der Versuch einer Antwort:
Also zunächst mal gibt es in vielen Hatha-Yoga Richtungen keine festgelegte Reihenfolge von Yogahaltungen. Zum anderen arbeitet ein guter Yogalehrer, selbst wenn er mit eine Reihe arbeitet, abgestimmt auf die Bedürfnisse und Möglichkeiten der aktuell anwesenden Teilnehmer.
Weiterhin: Der Yoga-Unterricht kann (bewusst oder unbewusst sowohl für die Lehrende als auch für die Teilnehmer) durchaus ganz unterschiedliche Ziele haben. Egal auf welche Weise also geübt wird, irgendwas passiert immer 😉

Ich könnte hier also Romane über körperlich Zusammenhänge schreiben oder aber darüber, dass jede Körperhaltung ganz allgemein auch eine „Geisteshaltung“ spiegelt bzw. in einer gewissen „Energie“ schwingt. Im Alltag: Was passiert zum Beispiel, wenn du jetzt (auch wenn dir gerade gar nicht danach ist) für 2 Minuten einfach („künstlich“) die Mundwinkel hochziehst?

Welche Gedanken tauchen auf? Wie reagiert der übrige Körper?

Unwahrscheinlich ist, dass gar keine Reaktion auftritt! Alles was wir tun (besser: alles, was passiert), ist mit allem anderen verbunden und zeigt eine gewisse Wirkung. Yoga ist u.a. eine Methode, um das ganz persönlich und auf einmalige (nämlich DEINE!) Weise zu erforschen!

Weil wir alle an ganz unterschiedlichen Stellen stehen und auch zu ganz unterschiedlichen „Orten“ wollen, macht es manchmal wenig Sinn, uns miteinander zu vergleichen – auch wenn wir das ständig tun. Und auch das Vergleichen macht Sinn: Denn durch Vergleiche bekommen wir überhaupt eine Idee von „diesem“ und „jenem“. Zum Beispiel verstehen wir die Qualität von Sommer ganz besonders in ihrer Abgrenzung zum Herbst oder Winter.

Mein Verständis von „an unterschiedlichen Orten stehen“:
Es ist nicht so, dass wir alle von einer Zielgerade losgegangen wären und ein und das selbe Ziel vor uns läge. Ich würde sogar fast behaupten, dass es gar kein Ziel gibt. Ich bin da ganz mit dem berühmten Ausspruch: Der Weg ist das Ziel! Dieser Moment hier ist bereits absolut VOLL (in seiner ganzen Unvollkommenheit). In diesem Moment ist genau das, was in unserem ganz individuellen Lebenspuzzle gerade Sinn macht! Dieser Moment ist ein vollkommener Ausdruck dieser ganz bestimmten Blume hier, nämlich dir!

Wenn wir das so betrachten, kann man nicht sagen: Wir fangen bei der Erdung an, das sind die Füße (und/oder der Beckenboden). Erdung ist nämlich auch: Erst mal aus dem Kopf raus zu kommen und HIER (HALLO!) anzukommen. Und dafür gibt es unzählige Techniken. Eine ist den Körper einfach mal zu spüren. Und dies gelingt bei der ein oder anderen Person vielleicht einfach schon in dem sie still wird (Anfangsentspannung). Eine andere Person braucht dafür richtig viel Bewegung (Sonnengrüße), wieder eine andere Person muss etwas Neues tun, was absolut unroutiniert ist, wieder jemand anders braucht ein Ritual, etwas, das immer gleich abläuft,…

Was „Erdung“ im einzelnen genau ist und WIE es umgesetzt werden kann, ist also durchaus unterschiedlich. Und sicher ist das auch nicht für jede Person der Ansatzpunkt des Yoga schlechthin 😉

Zurück zur Eingangsfrage: Warum beginnt die Rishikesh-Reihe mit dem Kopfstand?
In der Sivananda-Tradition beginnt die Yogastunde nicht mit dem Kopfstand, sondern mit einer Anfangsentspannung (Voila! „Erdung“ ;- ) Der gesamte Körper liegt für einige Zeit regungslos auf dem Boden. Die aufgewirbelten Sandkörner (Gedankenwellen) des heftig in Bewegung geratenen Sees (das Bewusstsein) können langsam wieder zum Grund zurück sinken. Das Bewusstsein klärt sich.

Der Körper hat in dieser Position (Shavasana) maximalen Erdkontakt. Er wird vom Boden getragen und gehalten – egal ob er krank, müde oder voller Energie ist. Egal wie die Stimmung gerade ist. Hier erleben wir ganz, ganz simpel: Erdung.

Danach beginnt (in der Regel) das Pranayama: Die Atemarbeit. Über den Atem arbeiten wir ganz direkt mit dem Geist.

Alltagsbezug: Wenn du aufgeregt oder sehr ärgerlich bist, stockt dein Atem oder wird ganz flach. Du atmest nicht mehr leicht und mühelos aus. Es bleibt Restluft in den Lungen. Manchmal geraten wir außer Atem oder verschlucken uns.

Die Atemübungen geben uns Gelegenheit, mal genauer hinzuschauen, was passiert, wenn wir den Atem anhalten. Wir üben das lange, vollständige Ausatmen und das Loslassen… Wir reinigen unsere Lungen und bemerken, wie das Einatmen uns tatsächlich nährt. Je nachdem wo wir auf unserem Weg stehen, d.h. was uns anspricht, was uns berührt und für uns fühlbar ist, bemerken wir vielleicht die „energetische“ Wirkung dieser Atemarbeit. Und auch dieses „Bemerken“ wird sich bei jedem auf eine ganz individuelle Weise zeigen und Sinn ergeben.

Die Energiearbeit des Pranayamas bezieht sich vorwiegend auf den Ausgleich von „Ida“ und „Pingala“ die beiden Nadis, die für die Dualität stehen. Es geht hier um das „aktive“ und das „passive“ Prinzip. Wir finden das im Ha-tha (Ha- Sonne; tha-Mond) des Hatha-Yogas wieder. Außerdem spielt die Sushumna eine Rolle. Sie ist der Bereich, in dem die Gegensätzlichkeit im gewissen Sinne aufgehoben ist.

Sirsasana (der Kopfstand) regt direkt die Sushumna an. Die Energie fließt vom Scheitelchakra (von der Formlosen Ganzheit) durch den gesamten Hauptenergiekanal – also durch alle Chakren und damit durch alle Qualitäten des menschlichen Seins.
Mit diesem „Blick“ sind die Asanas vorwiegend Energiearbeit. In jeder Haltung werden andere Chakren angeregt und mit anderen Herausforderungen gearbeitet, diese zeigen sich u.a. in den Körperempfindungen und dem „inneren Umgang“ damit.

Für manche Teilnehmer, selbst wenn sie körperlich nicht sonderlich beweglich sind, ist das Pranayama gleich irgendwie stimmig. Für andere ist es von Anfang an eine Herausforderung. Manche werden nie richtig warm damit. Für andere sind die Sonnengrüße vielleicht eine Herausforderung, wenn sie fließend und schnell geübt werden sollen. Aber wer sagt denn, dass Sonnengrüße schnell und flüssig sein müssen? Es gibt andere Möglichkeiten sich „aufzuwärmen“. Zum Beispiel das „Schütteln“. Hier wird der Energiefluss angeregt und alte Konzepte, die körperlich Form angenommen haben, werden gelockert. Gleichzeitig wird in den Gelenken die Gelenkflüssigkeit angeregt…

Wer kann schon sagen, was in diesem Augenblick für dich dran ist? Vielleicht liegt der Wert in dieser Erfahrung hier ganz einfach in der Tatsache, dass du für dich erkennst, dass dieser Yogalehrer oder diese Tradition aktuell nicht für dich passt. Wenn du für dich sorgst, dann suchst du dir eine andere Richtung.

Wie kann man da Regeln aufstellen?

Und doch gibt es Zusammenhänge!

Es gibt Wirkungen!

Es gibt Körperhaltungen, die vorbereiten oder ausgleichen, die stärken, besänftigen, beruhigen…

Jede Yogapraxis und jede Tradition ist voller Schätze.

Jede Yogastunde ist eine reine Schatztruhe – selbst wenn uns die Stunde mal nicht liegt oder wir irgendwie bei dem „falschen Yogalehrer“ gelandet sind!

Asana-Reihen können uns helfen, einfach anzufangen (Jetzt! Zu Hause)! Wir müssen uns nichts ausdenken… wir starten einfach mit dem, was wir gelernt haben, schalten den Kopf aus und legen los. Tatsächlich bleibt auch da immer noch GENUG Spielraum, um zu experimentieren und individuell anzupassen 😉
Und: Wenn du eine Weile mit ein und derselben Reihe übst, wirst du schnell merken, wie du immer „tiefer“ und „tiefer“ sinkst. Du erreichst immer andere „Ebenen“ und „verstehst“ mehr und mehr was dich da berührt. An keinem einzigen Tag wird es sich genau gleich anfühlen und doch so vertraut…

Herzlichst
Verena <3