Was passiert, wenn wir den Kopf ablegen?

Jede Asana (jede Körperhaltung), die wir einnehmen, entspricht einer bestimmten Qualität. Das passiert ganz automatisch, ohne dass wir irgendetwas dafür tun müssten, denn unser Körper ist ganz natürlich Ausdruck von Lebendigkeit. Wir spüren das zum Beispiel wenn aufgeregt sind und ein mulmiges Gefühl im Bauch haben oder wenn unsere Augen müde sind und wir nicht mehr konzentriert nach außen schauen wollen…

Das heißt: Unser Körper zeigt uns gewissermaßen, was „innerlich“ gerade so abgeht. Er zeigt uns wieviel Kraft gerade zur Verfügung steht, er zeigt uns unsere wunden oder weichen Stellen…

Das heißt aber auch, dass – wenn wir anfangen unseren Körper zu bewegen – auch unsere inneren Strukturen mitbewegt werden. Wir stärken also beispielsweise unsere Basis (unseren Beckenboden) und damit berühren wir u.a. auch das Thema unseres Urvertrauens. Oder wir dehnen und öffnen vorsichtig (körperliche) Bereiche, die vielleicht seit langer Zeit hart und zusammengezogen waren und damit rühren wir ganz automatisch auch unsere eigene Berührbarkeit an.

Unser Körper ist Ausdruck unserer Schutz-, Flucht-, und Kampfreflexe – und all diese werden angesprochen, sobald wir mit einem körperlichen „Schmerz“ konfrontiert werden (damit arbeiten wir zum Beispiel in den passiven Yin-Haltungen ganz bewusst).

Was passiert nun, wenn wir unseren Kopf ablegen?

In den letzten Jahrzehnten hat sich das menschliche Denken zu einem immer schärferen Werkzeug herausgebildet. Und das ist wunderbar! Wir haben gelernt, uns unseres eigenen Verstandes mehr und mehr zu bedienen. Wobei man jedoch ehrlicherweise sagen muss, dass wir sehr, sehr oft eher die Gedanken (und Traditionen (auch spirituelle Traditionen)) von anderen denken, anstatt wirklich unseren eigenen Verstand zu benutzen. Ein Grund dafür ist sicherlich der, dass wir uns wenig Raum und Zeit nehmen, genauer Hinzuschauen! Oftmals scheinen wir so sehr beschäftigt, dass es notwendig ist, in Automatismen zu verfallen, anstatt Energie aufzuwenden, wirklich neu zu schauen – und dann vielleicht eben auch mal zuzugeben, dass man falsch lag oder es mittlerweile anders sieht oder dass man noch gar nicht so genau weiß, was man eigentlich darüber denkt!

Da ich menschliches Sein als ein sehr „komplexes Gebilde“ verstehe, sehe ich das Denken als einen wertvollen Teil dieses Seins – aber eben nicht als den einzigen.

Wenn ein Bereich lange Zeit intensive Aufmerksamkeit bekommt und dadurch wächst und sich ausbildet, kommt es vor, dass andere Bereiche zu kurz kommen und irgendwann ein enormes Ungleichgewicht entsteht. In der Regel gleicht das Leben das irgendwann ganz automatisch aus. Denn unser menschliches Leben formt sich gerade durch die Spannung (mindestens) zweier Pole.

Die Ganzheit wird erst sichtbar und erfahrbar durch das Gegenteil. Wir lernen über die Liebe u.a. dadurch, dass wir erfahren, wie sich die Abwesenheit von Liebe anfühlt…

Zum menschlichen Sein gehört neben dem notwendigen gedanklichen Erfassen von Lebendigkeit auch das körperliche Erleben von Kraft, Kraftlosigkeit, Anspannung, Entspannung, Weichheit, Verletzlichkeit, Sinnlichkeit, Genuss, Schmerz,…

…ebenso wie das emotionale Erleben von Lebendigkeit. Und auch „feinere“ Ebenen von Energie sind durchaus individuell und real erlebbar.

Wenn wir unseren Fokus lange Zeit im Kopf haben, kommt es vor, dass wir uns dort verhaspeln. Dann brauchen wir ein bisschen Aus-Zeit um wieder neu und weit denken zu können. Dabei kann uns u.a. der Körper und Körperarbeit dienlich sein.

Manchmal ist es hilfreich, ganz neue gedankliche Inspirationen einzuholen, um einen neuen Blick zu bekommen.

Manchmal ist es heilsam, die komplette Geschichte mal für einen Moment loszulassen und gar nichts wissen zu müssen und stattdessen mit der Erleichterung des nicht-Wissen-müssens zu sein (die u.U. vielleicht auch zunächst erst einmal als furchterregend erlebt wird – denn oftmals identifizieren wir uns wirklich komplett mit unseren Gedanken über uns und eine bestimmte Situation. Deswegen haben wir auch oft das Gefühl, genau diese Sichtweise verteidigen zu müssen).

Was passiert aber, wenn wir unsere Sicht komplett anerkennen und gleichzeitig offen dafür sind, dass diese Sicht nicht alles ist?

Sondern nur eine Sichtweise.

Was passiert?

Wenn wir uns einen Moment Zeit nehmen, mal ganz authentisch und selbstständig nachzuforschen, werden wir herausfinden, dass Gedanken zunächst ungefragt erscheinen. Auch wenn sich Gedanken also quasi durch uns ausdrücken, so erscheinen sie doch zunächst ungefragt (in uns). Wir sind also nicht diese (tollen oder schrecklichen) Gedanken. Wir könnten auch ganz anders darüber denken…

Tun wir aber nicht.

Egal warum, wir gerade genau dieses hier für bedeutsam halten, – HIER entfaltet sich gerade diese Form.

Und wir sind Ausdruck dieser Form und gleichzeitig Beobachter dieses Ausdrucks.

Im Anschluss an das Auftauchen eines Gedankens, legt sich das Bewusstsein mehr oder weniger darauf (d.h. der Gedanke wird uns mehr oder weniger bewusst oder eben nicht bewusst) und zusätzlich wird dieser Gedanken mehr oder weniger für wahr gehalten – oder für weiter erforschungsbedürftig erachtet. Gleichzeitig mit dem Gedanken (bzw. kurz darauf) zeigt sich dann auch ein entsprechendes Gefühl zu jenem Gedanken. Dieses veranlasst uns direkt zu einer Reaktion, der – je nach innerer Struktur – blind gefolgt wird oder die mit mehr oder weniger Spielraum erforscht wird.

Wenn wir unseren Kopf jetzt ablegen, passiert etwas in unserem Körper- und Nervensystem. Denn wir legen den Teil ab, mit dem wir uns zumeist indentifizieren. Ohne, dass wir irgendetwas dafür tun müssten, entspannt etwas in unserem System. Und das kannst du ganz einfach selbst überprüfen:

Leg deinen Kopf einmal vor dir auf den Boden ab.

Was passiert?

Was passiert, wenn du gar nicht „nach draußen in die Welt“ schauen kannst und damit auch nicht so wie sonst in das ganze Spiel von „ich“ und „du“ eintreten kannst. Du siehst – selbst wenn du die Augen jetzt öffnest – nicht weit, sondern gerade auf den Boden, auf den Platz, an dem du stehst (bzw. gerade sitzt/liegst).

Du bist weniger mit dem konfrontiert wie irgendetwas aussieht, was die anderen machen, wie es bei den anderen aussieht,…

Du bist mehr bei dir.

Stell dir jetzt vor, jemand würde dich ansprechen und mit dir über irgendeine Sache diskutieren wollen. Was würdest du tun? Du würdest deinen Kopf heben und deinen Standpunkt deutlich machen wollen, indem du dem anderen auf Augenhöhe gegenüber trittst (inklusive all deiner anderen energetischen, psychischen und körperlichen Muster von Vertrauen, Schutz, Angst und Kontrolle).

Hier kannst du einen Eindruck davon bekommen, wie die Körperhaltungen (immer schon) wirken – in die eine und in die andere Richtung.

Wenn du mehr darüber herausfinden magst, dann komme doch mal in eine meiner Yogastunden (in Kirchheim/Teck) oder besuche micht auf youtube:

Yin-Yoga:

https://www.youtube.com/edit?o=U&video_id=rY1O4kpdpNQ

 

Yoga für die Schultern/Rücken:

https://www.youtube.com/edit?o=U&video_id=LSGox63HTgs

 

Gespräch über „Raus aus dem Kopf – Rein in den Moment“:

https://www.youtube.com/edit?o=U&video_id=TkKhbRsrCCg

 

Ich freu mich auf dich!

Von Herzen, Verena

Yoga im Alltag – Alltag mit Kinder…

Warum machen wir Yoga?

Ich meine: Warum nehmen wir Körperhaltungen ein, arbeiten mit dem Atem und genießen in der Schlussentspannung das wohlige Gefühl?

Geht es im Grunde vielleicht genau um dieses wohlige Gefühl NACH der Yogastunde?

Und was genau lässt uns so wohlig fühlen?

Wenn wir eine Stunde lang unseren gesamten Körper gedehnt, geöffnet und gestärkt haben, befindet sich unser Bewusstsein nicht aussschließlich im Kopf, sondern verteilt sich gleichmäßig auch in unseren Körperempfindungen und Emotionen. In diesem Gleichgewicht ist unser Denken weniger aufgestachelt von all dem „sollte“ und „müsste“ und „könnte“ und stattdessen mehr präsent in dem, was sich ganz natürlich und lebendig eben gerade zeigt. Dann ist da in aller Bewegung auch ein Ruhen.

DAS macht Yoga so attraktiv für uns.

Und JA! Dafür sind Körperübungen nicht unbedingt notwendig. Manchmal katapultiert uns zum Beispiel die frische Morgenluft mit einem schönen Lichtspiel und zwitschernden Vögeln geradewegs aus unserem eben noch müden, nörgelnden und kämpfenden Selbst mitten in einen Moment des berührt-Seins hinein. Und plötzlich erscheinen all die Widerstände und Probleme in einem anderen Licht.

Manchmal hören oder lesen wir einen Satz, der uns genau da berührt, wo wir berührt werden möchten und manchmal fühlt es sich so an, als bräuchten wir eine Menge Bewegung, um all die Spannungen irgendwie ausagieren zu können…

Es gibt keine Regel!

Nicht mal für uns selbst – denn auch wir stecken immer wieder in neuen Lebenssituationen, die mit denen von gestern eben nicht mehr wirklich vergleichbar sind. Im Grunde ist tatsächlich jeder Augenblick neu!

Und wir lernen mit jedem dieser neuen Momente. Wir lernen INDEM wir leben. Unser Lernen ist nicht etwas, das allein geistig begriffen werden könnte. Denn es ist ganzheitlich: Körperlich, emotional, geistig, seelisch,… Es ist so viel mehr, als jedes Wort. Es ist LEBENDIG!

Jeder – wirklich jeder – Augenblick des Lebens ist VOLL von diesem Ruf DU zu sein! Jedes Gespräch, jede Tätigkeit am Computer, Wäsche waschen, Hausis mit den Kindern machen,…  Jeder Moment, in dem wir GEGEN diesen Moment sind (auch wenn es nur minimal und sehr subtil ist), sowie jeder Moment, in dem wir uns leicht und berührt fühlen. Jeder Moment der Freude und jeder Moment der Wut. Jeder Moment des Nicht-Verstehens, sowie jeder Moment des Begreifens. Und dabei ist jeder Augenblick genauso vollkommen wie jeder andere. Jeder birgt einen Schatz in sich: Das Leben selbst!

Ja! Wütend sein IST Leben. Es ist kein halbes Leben, es ist volles Leben.

Auch jeder Moment, in dem wir hadern und unser Verstand Pirouetten dreht ist dieselbe Fülle (auch wenn es sich nicht voll anfühlt). Es ist genau DAS, was gerade gelebt, erfahren und damit „gelernt“ wird. Wir lernen wie es sich anfühlt. Wir lernen die unterschiedlichen Qualitäten des Lebens kennen. Lebendig kennen.

Wir lernen „Hilflosigkeit“ und die Idee „Kontrolle haben zu können“. Wir lernen Angst, Vertrauen und alle Dimensionen dazwischen.

Ein Tag, an dem also alles schief zu laufen scheint, ist kein verlorener Tag. Es ist ein wertvoller Tag. Er gibt uns ein Gefühl von Leiden und zeigt uns gleichzeitig, wie die „Idee von Ich“ der Grund von allem Leiden ist. Wenn wir im Widerstand sind, ist es immer das: „ICH will das so nicht. So ist es falsch (finde ICH!). So hatte ICH mir das nicht vorgestellt.“

Oder: ICH verliere die Kontrolle. Keiner sieht MICH. Keiner versteht MICH.

Wer zum Teufel ist eigentlich dieses „Ich“???

Mal findet es dies, mal das,…

Wenn wir jedoch das, was IST, einfach in seiner ganzen Fülle passieren lassen, mit all der Enttäuschung oder Überraschung, mit all dem Unbekannten, Zauberhaften und Erschreckenden, das darin liegt, dann verändert sich etwas. Schmerz löst sich nicht einfach auf. Was sich aber auflöst (oder zumindest lockert), ist der Widerstand und die Angst vor dem Schmerz. Und manchmal bemerken wir dann, dass zum Beispiel auch im Schmerz eine „Tür“ zu dem selben Frieden und der selben Ruhe liegt, die wir oft am Ende der Yogastunde empfinden.

Der Schlüssel liegt in der Erlaubnis, sich ganz mit dem Leben zu bewegen – trotz all seiner Unsicherheit, trotz all seiner Tiefen, Grausamkeiten und trotz all seiner unbeschreiblichen Höhen.

Und das geht während wir Gute-Nacht-Lieder singen (und uns damit selbst berühren) oder während wir vor unseren Kindern zugeben, dass wir gerade voll den Mist gebaut haben, so dass wir JETZT nochmal NEU anfangen können (zum Beispiel mit den Hausaufgaben oder irgendeiner anderen Diskussion).

Das geht auch indem wir während eines Streitgespräches mit dem Partner bemerken, dass wir gerade nicht von unserer Sichtweise ablassen können, dass wir kämpfen. Unabhängig davon, ob wir dann weiter kämpfen und den Schmerz davon, aber auch die Anziehungskraft dieses „Recht-haben-wollens“ spüren oder ob wir tatsächlich plötzlich umschwenken und dem anderen Standpunkt Raum geben.

Was in beiden (in allen) Fällen gleich bleibt, ist dieses SEIN mit uns. BewusstSEIN. Und die Schönheit dieser Weite, die all das zulässt. Die uns zulässt – mit all unseren „verqueeren“ Eigenheiten. Und die den anderen zulässt, mit all seiner undurchschaubaren Ganzheit, die sich in jedem Augenblick neu zeigt. Ebenso wie die meine.

Am Ende verschwimmt möglicherweise diese Trennung in „dein“ und „mein“, die im Grunde sowieso nur auf der Sprach- und Denkebene existiert.

Was bleibt ist pure Lebendigkeit.

Lebendigkeit, die immer VOLL ist. Egal, ob wir uns gerade bewusst entspannen (in der Sauna oder der Badewanne zum Beispiel) oder ob wir gerade mitten in einem Wäscheberg sitzen oder drei Kinder gleichzeitig anziehen müssen, Büroarbeit machen, müde ins Bett fallen oder uns nach den Asanas zur Meditation hinsetzten 🙂

 

Yoga mit Verena     yogalini.de